Literarisch-politische Anmerkungen zum Zeitgeschehen. Poetisches und Kritisches. Romantik und Rebellion. Über mich und meine Sicht der Dinge. Neues aus meiner Schreibwerkstatt. Liebe, Leben, Literatur.
Die Abenteuer des Donaueschinger Wigalois
"Die ehemals Donaueschinger Wigalois-Handschrift, ein nationales Kulturdenkmal von
exzeptionellem Wert, fand ihren Weg nach Karlsruhe.
Um das Jahr 1215 erzählte der fränkische Dichter Wirnt von Grafenberg in diesem Versroman die Geschichte des Titelhelden Wigalois, der am Hof des Königs Artus zum Ritter ausgebildet wird. Von dort bricht er auf, um das Reich Korntin von seinem Usurpator Roaz zu befreien und seiner rechtmäßigen Königin Larie zurückzugeben.

Die Handschrift entstand um 1420 im elsässischen Hagenau (zu Wirnts Lebenszeit Stammsitz der staufischen Könige, seiner möglichen Auftraggeber. M.S.). Hier produzierten Schreiber und Illustratoren repräsentative „Klassiker-Ausgaben“ der deutschen Literatur auf Vorrat für einen Käufermarkt. Daraus entwickelte sich die Werkstatt des Diebold Lauber als großes kommerzielles Unternehmen, das zwischen 1427 und 1471 nachweisbar ist und erst zu Beginn der Buchdruck-Ära einging. In zwei seiner Bücheranzeigen wird unter den lieferbaren Handschriften ein bebilderter Wigalois aufgeführt.
Die herausragende kunst- und kulturhistorische Bedeutung der Handschrift gründet auf ihrer lebhaften Illustration, die den Text höchst erzählfreudig visualisiert und aufschlussreich interpretiert. Enthalten sind 30 (von ehemals 31) halb- bis ganzseitige farbige Federzeichnungen in Grün-, Rot-, Gelb- und Brauntönen, die die Geschichte schwungvoll und vergnügt in Szene setzen.
Die Handschrift gehörte zum Grundstock der berühmten Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek in Donaueschingen. Seit der Erwerbung der Donaueschinger Handschriftensammlung durch das Land Baden-Württemberg 1993 war es Ziel, den vorab in Privatbesitz verkauften Codex zurückzugewinnen."
(Aus der Einladung der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe zur öffentlichen Präsentation ihrer Neuerwerbung der ehemals Donaueschinger Wigalois-Handschrift am 24. Januar 2019).
PS: Das weltweit einzig bekannte Exemplar dieser Handschrift ist vor mehr als 25 Jahren privat verkauft worden und war seitdem verschwunden. Anfang 2016 ist es dann wieder aufgetaucht: Im Ausstellungskatalog der Antiquariatsmesse am Stuttgarter Schlossplatz (29. bis 31. Januar 2016) hat sie das Schweizer Antiquariat Bibermühle des Sammlers Heribert Tenschert für 2,4 Millionen Euro angeboten. (Quelle: „Die Zeit“ Nr.5 vom 28. Januar 2016, Seite 50). Jetzt konnte es mit Spendengeldern und Zuschüssen der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Kulturstiftung der Länder, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie der Wüstenrot Stiftung zu einem unbekannten Preis für die Badische Landesbibliothek zurückerworben und der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden. Im Gräfenberger Ritter-Wirnt-Museumsstübchen können Besucher neben vielen anderen Exponaten und Dokumenten auch die Reproduktion einer Illustration aus dieser Handschrift in Plakatgröße und weiterer der 30 kolorierten Federzeichnungen bewundern.