Literarisch-politische Anmerkungen zum Zeitgeschehen. Poetisches und Kritisches. Romantik und Rebellion. Über mich und meine Sicht der Dinge. Neues aus meiner Schreibwerkstatt. Liebe, Leben, Literatur.
Artusritter Wigalois als Krebstherapie aus dem Mittelalter?
Hallo liebe Freunde und Liebhaber meines virtuellen Bloghüttenkäse! Nach längerem Verstummen heute ein Lebenszeichen aus Bad Mergentheim, wo ich mich seit drei Wochen in der Reha-Klinik Taubertal von einer Bauchoperation erhole. Das „Lebenszeichen“ ist also durchaus wörtlich zu nehmen.
Ob dieses Bad Mergentheim etwas gemein hat mit Jean Pauls Bad Maulbronn, in welches er seinen mehr als wunderlichen Dr. Katzenberger samt Dichter-vernarrtem Töchterlein Theoda und dem eitlen Dramendichter Theudobach auf Badereise schickte, ist nicht bekannt. Ich will allerdings etwas weniger Umschweife machen als mein großer fränkischer Dichterkollege, und gleich vorweg sagen: Die Lage war ernst (Darmtumor), aber die zu befürchtenden Weiterungen (Metastasen im Lymphsystem oder benachbarten Organen, Chemotherapie, Bestrahlungen) sind mir vorerst erspart geblieben. Was bleibt, ist ein halbierter Dickdarm und eine Narbe quer über den Bauch, wie von einem Krummsäbel-Hieb. (Erinnert mich etwas an den Entscheidungskampf meines Comic-Helden Wigalois gegen den teuflischen Königsmörder Roaz von Glois).
Sind Männer Feiglinge?
An dieser Stelle ein erfahrungsmotiviertes mahnendes Wort besonders an meine männlichen Altersgenossen. Wir Männer sind bekanntlich in Bezug auf unseren Körper, den wir äußerlich gern päppeln, pflegen und sportlich stählen, ziemlich sorglos, um nicht zu sagen verantwortungslos. Man könnte auch sagen: Wir sind Feiglinge. Denn aus Angst, es könnte was gefunden werden, machen wir von den Möglichkeiten der Vorsorgeuntersuchung nur ungern Gebrauch. Wir wollen lieber nicht so genau wissen, was in unserem Inneren womöglich schleichend wuchert. Wenn es denn nicht mehr zu übersehen ist, sagen wir fatalistisch: Kismet, danke, das wars dann. Ich hatte doch ein schönes Leben. Dabei ist die Diagnose „Krebs“ heute längst kein Todesurteil mehr, bietet eine Früherkennung meist gute Heilungschancen. Das gilt besonders für die in unseren vom Wohlleben gestressten Breiten zweithäufigste Krebserkrankung, den Dickdarmkrebs.
Ab 55 Jahre haben wir Anspruch auf eine Darmspiegelung (Koloskopie), die völlig schmerzlos im Dämmerschlaf durchgeführt werden kann. Lediglich die vorbereitende Einnahme eines Abführmittels ist etwas unangenehm. Bei der Darmspiegelung können nicht nur Tumore, sondern vor allem deren mögliche gutartige Vorstufen, sogenannte Polypen, in der Darmschleimhaut sicher erkannt und gleichzeitig meist problemlos entfernt werden. Bei mir wurde bei einer Darmspiegelung vor sechs Jahren ein solcher Polyp gefunden und entfernt. Da diese gutartigen Wucherungen aber in der Regel fünf Jahre brauchen, ehe sich daraus ein bösartiger Tumor entwickeln kann, sollte ich nach drei bis vier Jahren erneut zur Darmspiegelung. Ich habe sechs Jahre gewartet, und das war wohl etwas zu lang...
Krankheit als Erfahrung
So weit zu meiner Krebserkrankung. Die damit verbundenen Erfahrungen waren mehr als erstaunlich, zumal ich mit meinen 75 Jahren vorher noch nie in ein Krankenhaus musste. Erstaunlich war, dass ich schon zwei Tage nach der Operation wieder eine normale Kost (Gemüse, Kartoffel-Püree, Fleisch) vorgesetzt bekam und nebenbei erfuhr, dass die Darmschleimhaut schon in so kurzer Zeit wieder zusammenwächst und die Naht dicht hält. Bei mir war es allerdings so, dass mein Restdarm etwas länger seiner gekappten Hälfte nachtrauerte. Entsprechend länger dauerte es (etwa zwei Wochen), bis mein Innenleben die veränderte Situation kapiert hatte und alles wieder einigermaßen normal lief.
Die zweite Erfahrung betrifft den „Glücksritter Wigalois“, dem ich einerseits eine gewisse Mitschuld daran in die Schuhe schieben könnte, dass ich zwei Jahre zu lang mit der fälligen Darmspiegelung gewartet habe. Weil ich mich zu intensiv und ausschließlich mit ihm beschäftigt hatte: Mit dem Comic, mit dem Theaterstück, mit dem Museumsstübchen. Andererseits, positiv gewendet, ist mir jetzt aber aufgefallen, dass mein Comic-Held nicht nur eine phantastische Abenteuergeschichte ist. Er meistert ja mit seinem unerschütterlichen Selbst- und Gottvertrauen alle Bedrohungen und Gefahren. Identifiziert man sich als Krebskranker nämlich mit diesem arthurischen Musterhelden Wigalois, wird er zugleich zu einem therapeutischen Erfolgsmodell: So wie er unerschrocken den Drachen Phetan, den Zentaur Marrien mit seinem griechischen Feuer, den Zwerg-Herkules Karrios besiegt, dem Riesenweib Ruel entkommt, das Schwerter-Schaufelrad überwindet und schließlich den Königsmörder Roaz zur Strecke bringt und dafür Prinzessin Larie samt der Königskrone von Korentin gewinnt – das ist doch eine schöne, Mut machende Erfolgsparabel für den eigenen Kampf gegen die Krebsgeschwür-Drachen, Tumor-Umgeheuer und den teuflischen Usurpator im eigenen Leib, oder?
Heute, sechs Wochen nach der Operation, hab ich kaum mehr Beschwerden, dank dem zertifizierten Darmkrebszentrum des Klinikums Nürnberg-Nord, dank Dr. Derra und seinem ausgezeichneten Reha-Team der Taubertal-Klinik. Nur etwas müde und regenerationsbedürftig bin ich nach den gezielten Bauch-OP-Gymnasikübungen, nach 20 Minuten Ergometer-Strampeln oder wenn ich einen zweistündigen Spaziergang rund um den Ketterberg oder runter ins bieder-behäbige Kur- und Deutschordens-Städtchen Bad Mergentheim unternommen habe. Dann muss ich mich mindestens zwei Stunden aufs Ohr haun. Und das tu ich jetzt auch erst mal. Derweil scheints ja nun endlich so was wie Frühling zu werden. Also: Frohe Oster-Spaziergänge!