Literarisch-politische Anmerkungen zum Zeitgeschehen. Poetisches und Kritisches. Romantik und Rebellion. Über mich und meine Sicht der Dinge. Neues aus meiner Schreibwerkstatt. Liebe, Leben, Literatur.
Zitat aus dem Gedicht „Tagesbefehl“ von Robert Gernhardt.
Aus: „Wörtersee“, Verlag Zweitausendeins, Frankfurt 1981 (!!!)
Das alte Jahr liegt hinter uns. Ist es vorbei? Das neue Jahr hat begonnen. Wird es neu? Friedens-Schalmeien sind überall zu hören. Wer schenkt ihnen Glauben? Drei Fragezeichen zum gerade angebrochenen Jahr 2017 christlicher Zeitrechnung. Das Wort „Schalmeien“ ist bei mir rot unterkringelt - mein Rechtschreibprogramm kennt es nicht. Schlägt als Korrektur unter anderem vor: Schleien, Schäleisen, Schlaumeiern. Schlaumeiern klingt gut, das nehm ich. Schlaumeiern wir halt ein bisschen.
Schlaumeierei Nummer 1: Dieses Jahr ist ein Wahljahr. Bei drei Landtags- und einer Bundestagswahl hat der willige Staatsbürger die Wahl zwischen diversen Parteien und den von ihnen benannten Kandidaten. Die Bundespräsidentenwahl haben sie für uns quasi schon entschieden. Schließlich sind wir eine repräsentative Demokratie. Wir wählen die Repräsentanten, die entscheiden für uns. Dabei kommt nicht immer das raus, was sie - oder wir uns von ihnen - versprochen haben. Deshalb gibt es jetzt eine Partei, die eine Alternative verspricht. Verspricht! Die behauptet, an allem, was uns nicht passt, seien die Ausländer, die Altparteien und die Lügenpresse schuld. Andere sagen, aus den kommenden Wahlkämpfen würden schmutzige Propagandaschlachten im Internet, gegen uns geführt von Propaganda-Robotern, die uns pausenlos mit Falschmeldungen, Fehlinformationen und automatisch generierten Scheindebatten in die Irre führen.
Schlaumeierei Nummer 2: Wir müssen also unser Gehirn anstrengen, um noch einigermaßen durchzublicken, was rund um uns passiert. Also unseren Denkapparat aktivieren. Damit ist es aber so eine Sache: Da kann nur rauskommen, was vorher rein kam und drinnen geprüft und verarbeitet wurde. Wir müssen also aufpassen, was da reinkommt: Selbst Beobachtetes und uns von anderen (von wem?) Berichtetes. Wahrnehmungen, die nur schwer auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfbar sind. Hilft uns dabei unsere Erfahrung? Unser Bauchgefühl? Unser „gesunder Menschenverstand“ ? Oder gibt es eine objektive Wahrheit gar nicht? Entsteht das, was wir für wahr halten, nur im Meinungsaustausch mit anderen? Im Internet also (siehe oben) im Schein-Dialog mit vorprogrammierten Automaten? Da beißt sich die Katze in den Schwanz.
Schlaumeierei Nummer 3: Die Welt ist kompliziert und wird immer komplizierter. Da helfen uns keine einfachen Antworten. Denen, die uns solche anbieten, sollten wir also misstrauen. Vor allem, wenn sie versuchen unser Gefühlsleben in eine bestimmte Richtung zu schubsen. Zum Beispiel indem sie unsre Ängste verstärken, das vereinte Europa madig machen und zurück zur nationalen Eigenbrötelei raten. Zurück! Die Vereinigung Europas (wie einst die nationale Vereinigung der deutschen Kleinstaaten) hat freilich in erster Linie wirtschaftliche Gründe. Aber sie hat uns auch nach zwei verheerenden Weltkriegen 70 Jahre Frieden beschert. Und einen Wohlstand, der allerdings nach einer gerechteren Verteilung schreit. Das wäre eine vernünftige Aufgabe für die Zukunft. An der wir auch unsere Wahlentscheidungen messen könnten. Dabei sollten uns nicht Wut und Angst leiten, sondern Gemeinsinn und Mut.