Reingefallen!
Inzwischen hat sichs wohl rumgesprochen: Das angebliche Tucho-Gedicht „Wenn die Börsenkurse fallen“, das zur Zeit durchs Internet geistert, stammt weder von Tucholsky noch aus der „Weltbühne“ von 1930. Auch ich bin trotz leichter Irritation hinsichtlich Tonfall und Sprachgestus drauf reingefallen. Weils inhaltlich so schön zu passen schien, den Vergleich der derzeitigen Finanzkrise mit dem New Yorker Börsenkrach vom Oktober 1929 mit nachfolgender Weltwirtschaftskrise nahe legte. Und in der letzten Strophe den Krieg als bewährte kapitalistische Krisen-Lösung thematisierte.
Zweifler meldeten sich schnell von allen Seiten. Andere recherchierten, dass der Text von einem gewissen Richard G. Kerschdorfer stammen soll (ihr merkt, ich bin vorsichtiger geworden!).
So weit, so gut. Literarische Imitationen und Parodien sind usus. Also bloß eine spitzbübische und offensichtlich effektive Methode, einen guten politischen Text
mit Hilfe des Tucho-Gütesiegels unter die Leute zu bringen?
Leider nein, und hier wird’s echt
peinlich: Das Gedicht ist nämlich unter dem Pseudonym „Pannonicus“auf der Internetseite der Wiener „Genius – Gesellschaft“ (“Unsere Mitglieder verbinden nationalliberale
Gesinnung...“ - das klingt nach FPÖ-Nähe!) zu finden. Und wer sich da ein bisschen umsieht, wird schnell feststellen, unter wessen Geistes Kinder er geraten ist. Zum Beispiel, wenn er sich den
Artikel „Demokratie und Homokratismus“ ansieht. Da wird u.a. „Das Heiligtum der Menschenrechte“ als „universeller Egalitarismus“ kritisiert, der „Glaube an die Gleichheit“ als Ideologie
bezeichnet, der die Wissenschaftler dazu verleite, „zu denken, dass die Rassenunterschiede – sofern sie
zugeben, dass solche existieren – für die Erklärung von Verhalten und Fähigkeiten ein unbedeutendes Element seien“. An anderer Stelle – es geht um die Integration ausländischer Mitbürger - heißt
es: „Der Gedanke des Volkes im biokulturellen Sinn weicht der
neutralen Bezeichnung der Bevölkerung“. Und: „Das Aufblühen der Globalisierung erklärt sich durch die allmähliche Erosion der nationalen Grenzen.“
Fazit: Wir haben es hier mit einer peudointellektuell und pseudowissenschaftlich kostümierten Variante völkischen, rassistischen und nationalistischem Denkens zu tun.
Zurück zum falschen Tucho-Gedicht eines Autors, der zudem „öfter für die deutlich rechts angesiedelte österreichische Zeitschrift 'Zeitbühne' “ schreiben soll. Dazu fällt uns ein, dass ja auch die Nazis, ermuntert und gesponsert von führenden Wirtschaftskreisen, sich als „Sozialisten“ ausgegeben und - indem sie die Arbeiterbewegung zugleich imitierten und zerschlugen - ihre verbrecherische Kriegspolitik vorbereitet haben.
Tucholsky kannte die damals (wie heute) gern vernebelten diametralen Unterschiede zwischen „rechtsradikal“ und „links“ sehr genau, und wir sollten heute ebenso
genau hinsehen (ich schlage mich da an die eigene Brust!). Deshalb hier ein Zitat
aus einem garantiert echten Tucholsky- Gedicht aus dem Jahr 1930, aus
„O du mein Österreich - !“:
„Revolutionen erleben wir rings
von rechts – mit dem Vokabular von links.
Und so sind die faschistisch verkleideten Massen
Nachtportiers der besitzenden Klassen.
Arm soll verrecken – aber reich bleibt reich.
O du mein...o du mein Österreich!“